Weihnachten? Weihnachten!

Das durchnittliche kalendarische Jahr hat 365 Tage. 365 Tage, an denen man seine Familie besuchen kann. Wenn man will. 

Doch an drei Tagen kommt es scheinbar nicht darauf an, was man will. An den Tagen 358, 359 und 360. An Weihnachten. An diesen drei Tagen hat man sich besonders lieb zu haben, da ist man besinnlich, berührt, besonders verbunden. Punkt.

Und weil so etwas auf kalendarischen Befehl hin ganz einfach ist können sich die Scheidungsanwälte nach den Feiertagen vor Mandanten kaum retten. Aber auch in vielen Familien ist die verordnete Harmonie so groß, dass nach dem Fest erstmal eine Weile Funkstille herrscht – oder gefrustete Erschöpfung. 

In meiner Familie war das immer schon anders. Wenn meine Großmutter zum Weihnachtsfest einlud, in das kleine Nest im tiefsten Niedersachsen, dann kam die Familie – oder eben nicht. Immerhin mussten alle aus ganz Deutschland anreisen. Die, die kamen, waren glücklich. Und die, die nicht kamen, auch. Das waren mal die und mal die. Und Oma bekochte die, die zugesagt hatten. Auch glücklich. 

Aber wie tief die Angst sitzen kann, an Weihnachten mit der Abwesenheit zu verletzen, das erlebte ich vor langer Zeit mit meiner Mutter. Die es ja hätte besser wissen müssen… 

Damals, vor rund 30 Jahren, im November,meine Kinder waren noch klein… Es war schon lange abgemacht, dass meine Mutter über die Feiertage und Neujahr zu uns zu kommen wird. Enkelkinder beschenken, Familie wiedersehen – immerhin wohnten wir rund 900 Kilometer voneinander entfernt.

Das Telefon klingelte, meine Mutter rief an. Und druckste herum… „Äh, ich hab doch gesagt, dass ich an Weihnachten zu Euch komme… „ 

„Ja, hast Du.“ 

„Ich – äh – meine Freundin Christa hat eine Reise nach Tunesien gebucht, über Weihnachten und Neujahr… 

„Schön!“ 

„Ich könnte da mitfahren“. 

„Das ist doch toll!“. 

„Aber ich hatte doch gesagt, dass ich Weihnachten bei Euch sein werde…“

Ich musste mir ein Lachen verkneifen.

„Mama!!“ 

„Ja?!“ 

„Fahr nach Tunesien!“ 

„Im Ernst?“ 

„Im Ernst!“ 

„Seid ihr dann nicht sauer?“ 

„Wieso denn sauer?“ 

„Mama!! Meinst Du echt, wir wollen hier eine Oma sitzen haben, die körperlich anwesend, in Gedanken aber mit ihrer besten Freundin an der Poolbar sitzt und Cocktails schlürft?! Du kannst das ganze Jahr kommen, wann immer Du willst! Aber bitte komm nur, wenn Du auch wirklich möchtest.“ 

Meine Mutter war selig, wir bekamen eine schöne Postkarte mit Palmen am Strand und einer untergehenden Sonne und wußten – es passte für alle. Wir hatten nämlich auch ohne die Oma ein schönes Weihachten. 

Ebenfalls in Erinnerung blieb mir ein Spezl, der uns augenrollend erzählte „An Heiligabend sind wir noch allein, das ist richtig schön. Aber am ersten Feiertag sind wir bei Monis Eltern und am Zweiten Feiertag fahren wir schon ganz früh nach Frankfurt, fünf Stunden, damit wir zum Mittagessen bei meinen Eltern sind. Was für ein Stress! Alle Jahre wieder! Zum Kotzen!“

Muss das sein? 

Muss es auch sein, sich jedes Jahr mit Geschenken zu überhäufen? Haben wir nicht eigentlich schon alles? Nein, haben wir nicht. Eins fehlt uns immer und genau deshalb sollten wir es verschenken: Zeit. Denn es kann so schnell zu Ende sein. 

Wie wäre es mit einer Einladung für einen Spieleabend, Termin frei wählbar. Oder ein Essen im Lieblingsrestaurant des Beschenkten. Okay, das kostet auch Geld. Aber es ist ja kein Gutschein, den der Beschenkte alleine einlöst, sondern wir gehen zusammen dorthin. Genießen gutes Essen, gute Gespräche, gut miteinander verbrachte Zeit.

Oder als Oma oder Opa selber vorgelesene und auf CD gebrannte Gute-Nacht-Geschichten für die Enkel? Die klingt dann vielleicht nicht professionell. Aber Oma oder Opas Stimme sind später mal ein wichtiges Sprach-Andenken an einen lieben Menschen im Leben der Enkel. 

Oder eine selbst zusammengestellte CD mit den Lieblings-Songs des Beschenkten. Denn dafür muss man das ganze Jahr genau hinhören oder in Gesprächen mal „hintenherum“ nachfragen, was ihm oder ihr gefällt. Dafür braucht es Zeit und Aufmerksamkeit. Etwas, was in unseren hektischen Leben oft viel zu kurz kommt.

Ich wünsche Euch allen friedliche, entspannte Weihnachtstage. Mit den Leuten, mit denen Ihr Zeit verbringen wollt. Und die auch mit Euch sein wollen. Ansonsten kann man an Weihnachten und an allen anderen Tagen auch das gute alte Telefon benutzen, wenn man sich hören will. Oder einen Brief schreiben. Einen echten, aus Papier, mit Umschlag und Marke. Feiert Euer Weihnachten wie Ihr es wollt. Ohne später sagen zu müssen „Was für ein Stress! Alle Jahre wieder! Zum Kotzen!“

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Pfoten weg!

Neulich vor der Trauerfeier… Ich betrete die Trauerhalle und freue mich schon darauf, wie die Deko rund um die Urne wohl aussehen wird. Alle Bestatter, mit denen ich zusammenarbeite, geben sich sehr viel Mühe und es ist immer schön zu sehen, wie kreativ sie sind.

Ich bewundere also mal wieder ganz ehrlich das ganze Arrangement, da sagt der Bestatter „Es freut uns immer, wie Du unsere Arbeit lobst. Wir hatten eine Trauerrednerin, die sah das ganz anders…“

„Wie, fand die Eure Deko denn nicht schön?!“ Ich machte große Augen…

„Kann man so sagen. Die dekorierte um…“

„What?! Die dekorierte um? Das ist ein Scherz!“ Ich zwinkerte dem Kollegen zu, denn ich war sicher, er wollte mich auf den Arm nehmen..

Er verdreht die Augen. „Schön wär’s. Nein, die dekorierte tatsächlich um, weil es ihr nicht gefiel, was wir gemacht haben“.

Ich bin selten sprachlos – aber da war ich es. Was um alles in der Welt reitet eine Rednerin – oder auch einen Redner, an der Deko herumzufingern? Die Blumengestecke neu zu arrangieren oder eine andere Farbe des Überwurfs z.B. der Urnenstele vom Bestatter zu verlangen?

RednerInnen sind für die Rede zuständig, nicht für die Deko. Punkt. Schuster bleib bei Deinen Leisten! Was würde die Rednerin oder der Redner denn sagen, wenn auf einmal der Bestatter kommt, die Redemappe öffnet, anfängt zu lesen und dann Änderungen am Text vornimmt, weil er ihm nicht gefällt?! Von mir würde der eins auf die Finger kriegen. Aber mit Schmackes!

Brauch ich mir aber keine Gedanken drum zu machen, denn das würden die Bestatter-Kollegen nie tun. Und ich würde nie, nie, niemals an der Deko herummachen. Selbst wenn ich sie – was noch nie vorkam – potthässlich fände…

Halt, doch, hab ich doch mal getan! Als ich sah, dass eine Kerze tatsächlich etwas zu nahe am Stoff stand und ich nicht wollte, dass die Urnenfeier zu einer zweiten Einäscherung wird… Hab ich aber ganz dezent gemacht und nur aus Sicherheitsgründen… Wahrscheinlich war der Stoff eh feuerfest, aber auf eine echte „Feuerprobe“ wollte ich es auch nicht ankommen lassen…

Das Schicksal der Rednerin, die da im wahrsten Sinn des Wortes massiv übergriffig wurde, war nebenbei bemerkt sehr schnell besiegelt. Das Dazwischenfunken an der Deko hat sie genau zweimal gemacht, danach war sie von der Rednerliste des Bestatters gestrichen… Und womit? Mit Recht!

Es ist ja – eigentlich – auch ganz einfach: Wir RednerInnen schreiben Reden, die kreativen Menschen vom Bestatter machen die Deko in der Trauerhalle. Klare Sache. Kann doch nicht so schwer sein. Ich freu mich jedenfalls auch weiterhin auf die nächste Deko und werde nie aufhören mich zu wundern, wie manche Menschen sich karrieremäßig derart Finger verbrennen können…

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Interview, das kürzlich in München erschien!

„Wie ist die denn so, diese Trauerrednerin?“

Wenn Sie das wissen möchten, dann lesen Sie doch einfach dieses Interview mit mir, das kürzlich in München erschien!

Ein PDF des Artikels zum Download finden Sie weiter unten.


„Das kam mir viel zu kurz“

Viele Trauerredner sind in einer Religionsgemeinschaft quasi gestartet. Wie ist das bei Ihnen gewesen? Wie sind Sie in dieser Aufgabe gelandet?

Ich bin schon sehr lange nicht mehr in der Kirche, sehe mich aber als Christin. Ich wurde Trauerrednerin weil ich bei Beerdigungen immer wieder – ich nenne es mal diplomatisch – „unangenehm berührt“ war, wie unpersönlich die Abschiede waren. Was machte den verstorbenen Menschen aus? Was für Träume hatte er? Was begeisterte ihn, wie war sein Leben, seine Familie, seine Hobbies, sein Beruf? Das und wie seine Angehörigen ihn erlebt hatten – all das kam mir viel zu kurz, das wollte ich ändern. Und das habe ich dann ja auch gemacht und bin Trauerrednerin geworden. Überwiegend für weltliche Abschiede, aber auf Wunsch der Angehörigen nehme ich gern christliche Elemente wie Gebete oder Kirchlieder in die Trauerfeier mit auf.

„Es ist ein Abschied und keine Abrechnung“

„De mortuis nihil nisi bene – Über Tote rede man nur gut“: Dahinter steckt ja zu allervorderst der respektvolle Ansatz, dass der Verstorbene keine Gegenrede mehr halten kann. Bei genauerer Betrachtung dieses Slogans kann man feststellen, dass das nicht bedeutet, dass man nur „Gutes“ sagen darf, sondern dass es aufgrund der Adverbial-Konstruktion vor allem bedeutet, wie man über den Toten spricht. Wie gehen Sie mit dem Spannungsverhältnis zwischen einer empathischen angemessenen Würdigung und der vermeintlichen Wahrheit um? Konkret, nicht alles muss erwähnt werden, aber die bei der Bewertung Anwesenden möchten den Verstorbenen in Ihrer Rede doch sicher auch ein Stück weit „erkennen“.

Als ausgebildete Trauerbegleiterin erkenne ich Ecken und Kanten, die über das normale „er war halt nicht ganz einfach“ hinausgehen. Ich spreche das vorsichtig an und versuche, in Richtung „Verständnis und Versöhnung“ zu arbeiten. Die Menschen, die unter dem verstorbenen Menschen zu leiden hatten, wollen natürlich nicht, dass das in der Rede breitgetreten wird. Das wird es auch nicht, denn es ist ja ein Abschied und keine Abrechnung. Ich formuliere so, dass die Betroffenen wissen, dass ihre erlittenen Verletzungen wahrgenommen wurden, Uneingeweihte aber nicht peinlich berührt sind. Ich schlage Formulierungen vor, die genau das bewirken. Dadurch vertrauen die Menschen mir, weil sie wissen, dass sie keine böse Überraschung erwartet. Würde ich das, was am verstorbenen Menschen sehr schwierig war, aber komplett ausblenden, dann wäre das, als würde man den Betroffenen sagen „Stell dich nicht so an, war doch nicht schlimm“. So können sie meiner Erfahrung keinen wirklichen Abschluss finden.

„Danach haben sie keine Angst mehr“

In den wohl meisten Fällen stellt der Tod eines Angehörigen eine Art Ausnahmesituation innerhalb des sozialen Milieus, innerhalb der Familie dar. Oft auch noch kombiniert mit einem gewissen Organisationsstress und Zeitdruck. Das Gespräch mit dem Trauerredner wird ja auch in einer Art Briefing-Modus geführt. Für viele gerade der näheren Angehörigen ist diese Zeit besonders wichtig. Und bei genauerer Betrachtung beginnt ja Ihre Aufgabe bereits mit diesem Gespräch. Wie gehen Sie mit dieser doch auch sehr sozialen Aufgabenstellung um?

Ich sehe das Angehörigengespräch und die Abschiedsfeier als „die erste kleine Trauerbegleitung“. Und ich merke, wie wichtig es für die Menschen ist, sich die Zeit nehmen zu dürfen, um sich an den verstorbenen Menschen zu erinnern, zu weinen, zu lächeln. Und auch zu lachen, wenn etwas besonders Amüsantes zur Sprache kommt. Es ist eine „Auszeit“ von all den Aufgaben, die die Menschen rund um den Todesfall erledigen müssen. Es sind zwei bis drei Stunden intensives Gespräch – Zeit, die nur ihnen und dem geliebten Menschen gehört, der gestorben ist. Danach haben sie keine Angst mehr vor der Trauerfeier, weil sie wissen, dass es gut wird. Das entlastet sie sehr. Und nach der Trauerfeier geht es ihnen bei allem Kummer besser, denn sie hatten den guten Abschied, der so wichtig ist für sie.

„So, wie er es sich gewünscht hat“

Haben Sie es schon einmal erlebt, dass die von Ihnen vorzutragende Rede bereits „fertig“ war – sprich vom Verstorbenen vorab selbst formuliert?

Ja, das kommt gelegentlich vor. Aber eher in Form von niedergeschriebenen Erinnerungen, die dem Verstorbenen wichtig sind. Ich durfte von einem Mann, der 101 wurde, sogar die Memoiren lesen, von denen es nur zwei Exemplare gab. Das war äußerst spannend und ich bekam wunderbare, für viele Trauergäste noch unbekannte Informationen, die ich in die Rede einfließen lassen konnte. Ich biete aber auch „Vorsorge“ an. Dann findet das Gespräch noch zu Lebzeiten statt, ich schreibe die Rede, der Mensch liest sie und wir besprechen alles, damit sie ihm gefällt. Alle zwei Jahre haben wir dann wieder Kontakt, ob sich etwas geändert hat, ob noch Wichtiges dazugekommen ist. Wenn der Mensch gestorben ist, dann ist alles so, wie er es sich für die Trauerfeier gewünscht hat. Das ist besonders wichtig bei Menschen, die kaum noch jemanden haben, der etwas über ihn erzählen kann, denn auch dann soll es ja trotzdem sehr persönlich werden und kein allgemeines Blabla…

„Persönliche, individuelle Reden“

Es mag ein subjektiver Eindruck sein – aber so manche Bestattungswünsche wirken zunehmend exotischer, oft skurril. Waren Sie schon mal mit Situationen konfrontiert, in denen Sie Ihre Mitwirkung nicht mehr zusagen konnten?

Nein, das hatte ich noch nicht. Ich konnte immer mitgehen, weil es Themen betraf, die für die Angehörigen zwar „exotisch“ schienen, aber eigentlich nur von dem, was sie bislang selber bei Trauerfeiern erlebten, etwas abwich. Die Harley in der Aussegnungshalle, ein Umtrunk am Grab mit dem Lieblings-Wein des Verstorbenen, ungewöhnliche Musik– ich finde es gut, wenn sich die Angehörigen trauen, ihre Wünsche in den Abschied mit einzubringen. Ich habe aber mal einen Auftrag abgelehnt, weil der Sohn seine Mutter „irgendwie unter die Erde bringen wollte“, damit man ihm nichts nachsagt. Er wollte außer dem reinen Lebenslauf nichts preisgeben, weil das Verhältnis völlig zerrüttet war. Als er sagte „Schreiben Sie halt irgendwas“, da habe ich abgelehnt. Meine Besonderheit sind die persönlichen, individuellen Reden, die wirklich guten Abschiede und kein 08/15 Blabla. Der Bestatter war übrigens begeistert, dass ich den Mut hatte, abzulehnen. Er wußte, dass eine lieblos hingeschwafelte Rede sowohl bei mir als auch beim Bestatter einen Imageschaden anrichten würde. Der Sohn hätte ja später nie gesagt „Die Rede war so unpersönlich, weil ich das so wollte…“.

„Ich lebe viel bewusster“

Eine schöne Trauerrede trägt ein gehörig Maß zur sprichwörtlich „schönen Leich‘“ bei. Das bedeutet viel Verantwortung – bei jeder einzelnen Bestattung. Hat sich bei aller damit natürlich auch verbundenen auf Erfahrung beruhender Professionalität eigentlich Ihr persönliches Verhältnis zum Tod (und somit auch zum Leben) über die Jahre nachhaltig verändert?

Absolut! Ich lebe viel bewußter und bin dankbar für „scheinbare Selbstverständlichkeiten“. Ich weiß, wie schnell es vorbei sein kann und was für ein Geschenk das Leben ist. Mein Beruf tut somit nicht nur den Angehörigen, sondern auch mir gut. Ist das nicht schön?

„Bunt wird sie sein“

Haben Sie schon eine Vorstellung von Ihrer eigenen Beerdigung?

Ja klar! Bunt wird sie sein, mit Musik von „Queen“, ordentlich laut – auch wenn ich mit 100 sterbe… Mit einer Rede, die ehrlich sein soll, denn natürlich habe auch ich meine Ecken und Kanten. Die Trauergäste sollen keine Blumen mitbringen, sondern sie bekommen Geschenke, die an mich erinnern. Ob ich verbrannt oder erdbestattet werde und wo mein Grab sein wird überlasse ich aber meinen Angehörigen. Denn die müssen mit meinem Tod leben und entscheiden, ob sie einen Ort zum Trauern brauchen oder nicht. Ich werde nach meinen Tod „irgendwie“ ja sowieso immer bei ihnen sein. Das Grab soll aber nicht in der prallen Sonne sein, ich mag‘s nicht so warm… (lach).

Interview mit Trauerrednerin Lüttich

„Ich weiß, was für ein Geschenk das Leben ist“
Franziska Lüttich ist Trauerrednerin – und dies mit viel Empathie

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